Exit’s frühe 1990er

Heute habe ich so einen nachdenklichen Tag. Einer dieser Tage… Vielleicht war es die Exit-Party im Get. Was ist doch die Zeit vergangen. Es wäre gelogen zu sagen, es sei wie gestern gewesen, als ich mit 17 Jahren das erste Mal im Exit war. Das war 1990 vor meinem 18. Geburtstag.

Wir schreiben das Jahr 1990. Das Album the “Real Thing” von Faith no More war noch nicht gekauft und noch nicht 1 Mio mal von uns runtergedudelt. Es ist mit Sicherheit das in meinem Freundeskreis am meisten und längsten gespielte Album aller Zeiten. Ein paar Erinnerungen an den ersten Exitbesuch sind noch da. Da war dieser Typ. Typ Poserrock. Lange, glatte Haare. Knallenge, helle Jeans mit einem neonfarbenen, leicht bauchfreien T-Shirt. Geschmeidig tanzte er breitbeinig mit Oberkörperbewegungen seitlich in seinen halbhohen, weißen Sportstiefeln. Oder waren es sogar Boxerschuhe? Es liefen definitiv dort Boxerschuhe rum. Und ein Typ mit Sporen und Kette an den Stiefeln. In jedem Fall war das erste Getränk ein Flensburger. Mehr als in den Folgejahren spielten damals noch Poison, Saxon, Cooper und Co. Ich hatte eine Band und war mit unserem Solo-Gitarristen und seinem Liebchen da. Olaf und Katja, in Fachkreisen Katacha genannt.

Wenn das Leben mit 18 so richtig beginnt, habe ich die 90er wohl komplett mitgenommen. Ich fuhr einen 1989er Nissan Micra dunkelblau mit Dekorstreifen. 50PS, schadstoffarm Typ B ohne Kat. Nix Airbag oder ABS. Keine Zentralverriegleung, keine elektr. Fensterheber. Aber für 50 Mark war der Tank voll, denn der Sprit kostete rund 1,2-1,4 D-Mark und der Tank war schön klein. Es gab in den 90ern jede Menge gute Musik. Das Beste davon verteilte sich auf diversen Mixtapes in meinem Auto. Trotzdem empfinde ich das Jahrzehnt viiiel peinlicher als die nostalgisch verklärten ‘70er. Die hatten Led Zeppelin, Deep Purple, Funk, Afro und lachten allenfalls über Abba und Disco.

Denn während wir Faith No More, Tool, Aerosmith, Nirvana, Sepultura, Danzig und anderes hörten, gab es diese 90er-peinlichen Schattenseiten. Die dunkle Seite der Macht. Milli Vanilli, Vanilla Ice, Salt’n'Pepa, Dr. Alban tha candy macrophone dactar (Dr. Albern), Londonbeat (I’ve been thinking about you), SNAP!, Technotronic, MC Hammer… Wenn man die Single-Jahrescharts 1990 zugrunde legt, waren wir eine Randerscheinung. Was überhaupt im Exit spielbar war, gelangte an Platz 81 # Gary Moore - Still Got The Blues (For You) und 83 # Jon Bon Jovi - Blaze Of Glory. Und das wohlgemerkt weit abgeschlagen hinter Matthias Reim, die Wildecker Herzbuben und Sandra mit Hiroshima. Das ist die grausige Wahrheit der frühen 1990er. Und mein Vater liebte es, jung und modern die Charts rauf und runter zu spielen. Modern-Talking Alben, Milli Vanilli. Alles am Start.

Was ich immer noch nicht begreifen kann, dass manche Leute 20 Jahre brauchten, um zu entdecken, dass das schon damals der letzte Mist war, den die sich dank Werbung haben andrehen lassen. Gut ist’s, wenn’s “In” ist. Das oberste Motto getreu dem Barmer Bahnhof. Allerdings gab es auch viele, zukunftsweisende Meilensteine. Was die frühen 90er meiner Meinung nach zu einer der besten Musikperioden aller Zeiten macht, vergleichbar Led Zeppelin in den 70ern.

Meilensteine:

  • Faith No More -  “The Real Thing” (1989) und auch “Angel Dust” (1992)
  • Nirvana - “Nevermind” (1991)
  • Aerosmith - “Get A Grip” (1993)
  • Tool - “Undertow” (1993)
  • Metallica - (Metallica) - auch Black Album gennant (1991)
  • Guns N’ Roses - “Use Your Illusion I & II” (1991)
  • Dan Reed Network - “Dan Reed Network” (1988) - “Slam” (1989) - quasi die Miterfinder des Metalfunk
  • Sepultura - “Arise” (1991) und “Chaos A.D.” (1993)
  • Slayer - “Seasons In The Abyss” (1990)
  • Pearl Jam - “Ten” (1991) (mittlerweile mehr als 10 Mio mal verkauft!!)
  • Stone Temple Pilots - “Core” (1992)
  • Rage Against the Machine - “Rage Against the Machine” (1992)
  • Clawfinger - “Deaf Dumb Blind” (1993)
  • Dog Eat Dog - “All Boro Kings” (1994)
  • Monster Magnet Single - Negasonic Teenage Warhead (1995)… was für ein Song

Und last but not least, die Fusion von Metal und Rap:

  • Judgment Night Soundtrack zum gleichnamigen Film mit Emilio Estevez. Faith No More & Boo Yaa T.r.i.b.e, Helmet & House of Pain, Slayer & Ice-T… Der Film war damals im Kino megaspannend, kürzlich auf DVD war der Film allenfalls lala…

Doch das kann nicht all das Furchtbare der frühen 90er überdecken. Noch mehr schreckliche Beispiele gefällig?

Autos in petrol-grün metallic, die Manta-Filme, der Barmer Bahnhof, Rudi Völlers Minipli, Wetten dass mit Wolfgang Lippert, MC Hammer’s Satin-Ballonhosen, der Megabreit-Gürtel von Sandra, Techno, Bräunungscreme, der Look von Taylor Dayne “Tell it to my heart”, nachgemachte Doc Martens mit auf dem Leder aufgenieteter Blechkappe von Deichmann oder dem Quelle Versand (geht gar nicht), zu “Girl you know it’s true” mittanzen, Hosenbünde bis zum Bauchnabel, geglaubt haben Milli Vanilli hätten selber gesungen, Bauchtaschen mit Fitnesshosen, Tamagotchi, “Tutti-Frutti” bei RTL, der megapeinliche Eurodance, insbesondere Captain Jack, “Glücksrad” mit Porno-Peter Bond, “Der Preis ist heiß” mit Harry Wijnvoord, der Tennis-Look von Becker, Graf und Co…

Die Welt hat sich all das getraut und mein Vater fand meinen Musikgeschmack unmöglich. Kein Wunder, dass wir als verwirrte Jugendliche galten, die in den Grunge und ins Exit flüchteten. Denn da hatte die Welt des Doctor Alban, der Techno und das Glücksrad keinen Zutritt.

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2 Antworten zu “Exit’s frühe 1990er”

  1. grupnw sagt:

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  2. Hans Gerd Menge sagt:

    Mein erste Kontakte mit Popmusik

    In der letzten Klasse der Schule Rathenaustraße, der Achten, im Laufe des Jahres 1964 fing es an. In dieser Zeit musste ich die Erfahrung machen, dass ich mich in einem Grenzbereich zwischen einer fast schon vergangenen Kindheit und etwas Neuem bewegte. Ich entdeckte das andere Geschlecht und – die Popmusik!

    Und zwar so:

    Auf einer Klassenfahrt nach Fensdorf hatten sich einige meiner Mitschüler Hüte an einer Andenkenbude gekauft, und ich kaufte mir auch einen. Die Mädels schrieben darauf unterschiedliche Namen, die sie unterstrichen und mit Ausrufungszeichen und Doppelherzchen verzierten. Wir Jungs machten das schnell nach und schrieben ebenso „John, Paul, George” und …? Tja, da ich natürlich nicht hinten anstehen wollte, versah ich meinen Hut ebenfalls mit all den Namen. Aber wer war der letzte? Ich konnte die Buchstaben leider nicht richtig entziffern, und erst durch Fragen bei den vor mir Sitzenden schrieb ich schließlich „Ringo”! Natürlich die Beatles. Das war mein erster Kontakt zum Beat.

    Man kann sagen, dieses Erlebnis machte mich echt neugierig, denn vorher waren mir weder die Titel der Songs noch die Gruppen von irgendeiner Bedeutung gewesen. In einem vier Mädelshaus und einem jüngeren Bruder, lief Rex Gildo und Gitte mit Ihrem „Lied“, so sagte man damals, „Geh´n sie aus vom Stadtpark die Laternen“.

    In den Sommerferien zuvor besuchte ich meine Tante in Ronsdorf und beim Kaffee wurde an mich (wohl als Experten!) unter anderem die Frage gerichtet, was ich denn von den Beatles halten würde. Meine Antwort war kurz: Klasse!

    Zu einer weiteren Erfahrung mit der neuen Musik kam ich, als ein Klassenkamerad, der erwachsener wirken wollte, als er tatsächlich war, einmal in meinem Beisein unten in der damaligen Kaufhalle die Verkäuferin am Schallplattentresen - ein langer Tisch mit eingelassenen Halterungen für Hörer, wie olle Telefonapparate ihn haben, und Hockern davor - mit “Hallo Uschi” anquatschte und fragte, - hast Du schon `My Boy Lollipop`?” Boäh!!! Und die dann ihrerseits mit einem pikierten Blick und sehr knappem „Nein” zu verstehen gab, wie dämlich sie solche Anmache fand. Das habe ich mir gemerkt.

    Gleichzeitig erkannte ich aber auch, dass eine gewisse Art von Kleidung nicht unwichtig im Zusammenhang mit den Beatles war; ein Umstand der mich hart leiden ließ, weil meine Klamotten zu der Zeit einfach und im wahrsten Sinne des Wortes zeitfremd und schlicht waren. An die Haare dachte man da noch nicht.

    Tanzen lernen…

    Das war im Frühling 1964. Kleine Erlebnisse, die sozusagen eine Initialzündung auslösten, führten zu der tieferen Erkenntnis, dass die bisher genossene Ausbildung an der Schule für die Katz ist, wenn ich nicht auch gleichzeitig mutiger den Schritt in die „Neue Zeit” wagen würde, die sich da nun in Mode, Musik und Mädchen andeutete. Als mich dann noch im Rahmen einer kleinen Abschiedsfeier Doris spontan zum Tanz aufforderte - zu meinem ersten Tanz - mich, ohne nur einen blassen Schimmer! - und sich meine Unzulänglichkeit dabei deutlich hervor tat, war es wie ganz selbstverständlich die gute alte Tanzschule aufzusuchen Ich wollte mit zwei anderen Jungs meiner Abgangsklasse den Grundkurs besuchen.

    Es dauerte aber nicht lange, da verging mir der Spaß an dem Ganzen. Das kam daher, weil der Vorturner der Schule beim Twist als modernster Form progressiver Bewegung stehen geblieben war. Dieser „Tanz” war damals bereits schon drei lange Jahre alt! Gleichwohl übte ich festgeklammert an einem Sessel in unserem Wohnzimmer den Bewegungsablauf zur Musik einer Single (ein Begriff, den damals wohl kaum einer kannte), die einen zweiminuten-dreißig Twist drauf hatte. Alle zweiminuten-dreißig hatte ich den Tonarm erneut zu verschieben. Und was für ein Tonarm! Unser häuslicher Plattenspieler fristete sein Dasein eingebettet in einer sogenannten Musiktruhe mit zusätzlichem Plattenfach und kleiner Bar hinter Glasschiebetüren.

    Das alles brachte mir nur ganz wenig Nutzen. Und wie ich dann kurz danach feststellte, war für die neuesten Tänze eine regelrechte Einübung ohnehin nicht mehr nötig, weil sie leicht selbst erlernbar waren und sich schneller entwickelten und veränderten, als jede Tanzschule das mitbekommen würde. Die Qualität der langsamen Runden litt auch nicht im Geringsten unter der simplen Drehung, die die Paare zusammen vollführten, denn es ging dabei natürlich nur um den direkten, beinahe intimen Kontakt, den selbst ein ausgefeilter Tango im Grenzfall nicht zuwege bringen vermochte. Jedenfalls für mich nicht.

    So blieb also die Tanzschule ein lustloser Ansatz. Das Im-Arm-Halten junger Frauen mit den entsprechenden Schrittfolgen inspirierte mich wenig. Hinzu kam, dass das dazugehörige Regelwerk nicht wirklich zeitgemäß war. Man musste bei Beginn der Musik auf die sittsam am Tisch wartenden Mädels zulaufen (sprich: rennen, wobei sich häufig genug zu viele „Jungs” auf Dieselbe stürzten!), einen Diener zu machen und dann noch gleichzeitig deutlich die Worte „Darf ich bitten” zu sprechen. Nähhh!!!!

    Das Ganze machte ein Näherkommen der Geschlechter echt nicht leicht. Darauf wurde aber auch streng geachtet! Ein nahezu unzüchtiger Tanz wie der „Letkiss”, eine kurze Modeerscheinung Mitte der Sechziger Jahre, bei dem eigentlich von Zeit zu Zeit geküsst werden sollte, durfte natürlich nur Andeutungsweise ausgeführt werden!

    New shoes and pants

    Immerhin war mir von meiner Mutter eine modernere Kluft zugestanden worden. Noch war ich nicht Lehrling, hatte also kein eigenes Geld. Ich erhielt ein braunes Sakko, knallhart tailliert, mit goldenen Knöpfen, eine entsprechende Hose mit Bügelfalte und neue, flache Halbschuhe. Dummerweise waren die aber vorne rund und absolut nicht der Zeit entsprechend.

    Aber mit diesem Sakko gab’s ganz schnell Komplikationen. Wie ich schon schrieb, meine Kindheit hatte noch nicht wirklich geendet, mit Freunden war ich über einen Zaun am Giesenberg, nähe Elbersstraße geklettert, der perfiderweise vom Vater meines Freundes am oberen Holm mit altem Seilfett eingeschmiert worden war. Und ich trug die neue Jacke…

    Meine Mutti versuchte zwar, den Schaden zu begrenzen. Optisch gelang ihr das auch, nur der Geruch des alten Fettes war nicht zu unterdrücken. Zum Ausgleich riet sie zu Kölnisch Wasser von 4711. Wohl nicht wenige Tanzpartnerinnen werden sich über den „Dampf” an mir zumindest sehr gewundert haben.

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